Zu Gast in der Großfamilie |
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Sabine Lieb betreut ehrenamtlich Austauschschüler und Gasteltern in der Region Himmlische Ruhe im Haus – so zumindest muss es Sabine Lieb derzeit erscheinen, weil „nur“ drei eigene Kinder und die lettische Austausschülerin Laura durch die Zimmer streifen. Wenn die Großfamilie aber vollständig zusammenkommt, kann es im Stahnsdorfer Waldviertel ziemlich lebhaft werden. Acht Kinder im Alter von 11 bis 29 Jahren nennt das Ehepaar sein eigen, dazu kommen beinahe durchgehend Austausschüler aus der ganzen Welt. Sabine Lieb, die als Physiotherapeutin arbeitet, lächelt: „Für mich ist das ganz normal.“ Selbstverständlich ist auch das ehrenamtliche Engagement bei der weltweit größten Schüler-Austauschorganisation AFS. Die Stahnsdorferin betreut Gastfamilien und Gastschüler in Brandenburg und Berlin. Sie tut das aus Überzeugung: „Ich war vor 30 Jahren selbst als Austausschülerin in Kalifornien. Das hat mein Leben geprägt.“ Dabei waren ihre Erfahrungen in den 1970er Jahren nicht nur positiv. Die streng religiöse Gastgeberfamilie verdonnerte sie zu regelmäßigem Kirchenbesuch, eine neue Erfahrung für die gebürtige Berlinerin. „Ein Telefongespräch zu meinen Eltern nach Zehlendorf hat damals 40 Mark gekostet. Da waren dann nur zwei Minuten an Weihnachten drin.“ Im Zeitalter von Internet und Globalisierung hat sich beim Schüleraustausch zwar inzwischen viel geändert, dennoch hält Sabine Lieb das Auslandsjahr für 15- bis 17-Jährige nach wie vor für eine gute Sache. „Gerade in dieser wichtigen Lebensphase, in der viele Weichen gestellt werden, fallen die Eindrücke aus einer anderen Kultur auf fruchtbaren Boden.“ Über die Austauschorganisation AFS werden im Februar des kommenden Jahres 15 Gastschüler aus verschiedenen Ländern für ein Jahr in Brandenburg leben. Gastfamilien werden noch gesucht. Seit 2004 ist Familie Lieb im Potsdamer Komitee des AFS aktiv. „Hier in Stahnsdorf hatten wir schon Jugendliche von allen Kontinenten“, erzählt Sabine Lieb. Zu den monatlichen Treffen packt sie die Austausschüler in den Kleinbus, organisiert Ausflüge und ist für die großen und kleinen Probleme der Jugendlichen da. Die ehrenamtliche Arbeit betrifft aber vor allem ihr Engagement als Gastfamilienbetreuerin. „Es geht zunächst einmal darum, die richtigen Familien auszusuchen.“ Später hält sie Kontakt zu den Gasteltern, hilft, wenn es Probleme gibt. „Meistens sind das kulturelle Missverständnisse“, hat Sabine Lieb beobachtet. Südamerikanische Kinder kommen mit der direkten Art der deutschen Gasteltern oft nicht zurecht. „Unsere Prägnanz empfinden diese Kinder als barsch und unfreundlich, auch wenn es gar nicht so gemeint ist.“ Auch Heimweh der Gastschüler oder falsche Erwartungen können zu Konflikten führen. Ein Drittel der Austauschschüler wechselt während des Aufenthalts die Gastfamilie. „Das zeigt“, so Sabine Lieb, „dass nicht immer alles glatt läuft.“ Die Stahnsdorferin rät interessierten Eltern: „Wer Gastschüler aufnehmen will, sollte sich seiner eigenen kulturellen Identität bewusst sein, aber auch die Bereitschaft haben, sich selbst in Frage stellen zu lassen.“ Für Gastschüler und -eltern sei der Austausch jedenfalls eine Bereicherung, ein Weg zu mehr Weltoffenheit. (Von Jürgen Stich) |
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